IN MAGAZIN

Aktuelle Ausgabe Juni 2021

Liebe Leser*innen,

die Silberstreifen am Horizont mehren sich. Wenn sich die Prognosen bestätigen, werden wir in naher Zukunft wieder in den Genuss von Kultur, von Konzerten, Theater und Lesungen, von Kino und von Ausstellungen kommen – noch unter Auflagen, aber immerhin.

Doch noch gleicht die Stuttgarter Kulturlandschaft eher einer öden Wüste statt einer bunten Wiese; unser dünner Veranstaltungskalender illustriert diesen herben Verlust an Kultur, und damit auch an kultureller Vielfalt und interkulturellen Begegnungen, mehr als deutlich.

In den letzten Wochen wurde viel darüber geredet, inwieweit sich Menschen mit einer migrantischen Biografie besonders häufig mit dem Coronavirus infizieren und ob Migrant*innen weniger zum Impfen gehen als Menschen ohne diesen, in letzter Zeit mal wieder besonders häufig bemühten „Migrationshintergrund“.

Abgesehen davon, dass letzterer weder beim Impfen noch am Krankenbett erfasst wird, lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit einer Ansteckung und dem Migrationshintergrund keinesfalls kulturell begründen. Darin sind sich die Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Thema bislang befasst haben, einig.

Maßgeblich für das Infektionsgeschehen sind vielmehr die beengten Wohnverhältnisse und prekäre Situationen am Arbeitsplatz. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass die sozio-ökonomische Lage von Menschen mit einer Migrationsgeschichte überdurchnittlich kritisch ist.

Es ist die soziale Schieflage, die diesem „Virus der Ungleichheit“ Tür und Tor öffnet. Und so sind gezielte Impfaktionen in sozialen Brennpunkten sicherlich sinnvoll und sollten wesentlich häufiger durchgeführt werden. Ein pauschaler Generalverdacht gegenüber „den“ Migrant*innen wiederum verstärkt nur bestehende Vorurteile – und Ungleichheiten. Statt ganze Bevölkerungsgruppen pauschal anzuklagen, gilt es die sozio-ökonomischen Verhältnisse in den „Hotspots“ zu untersuchen – und zu bekämpfen.

Zu Beginn der Pandemie wurden vor allem Menschen angefeindet, die so aussahen, als würden sie aus asiatischen Ländern stammen, jetzt sind es „die“ Migrant*innen, denen man eine besonders hohe Virus-Anfälligkeit vorwirft. All dem müssen wir entschieden entgegentreten. Nicht zuletzt geht es hierbei auch um Menschenwürde und Menschenrechte.

Menschenrechte, das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung fordern auch die hier lebenden Sinti und Roma ein, denen in diesem Monat unser Schwerpunktthema gewidmet ist. Doch anstatt dass sich unsere Gesellschaft endlich mehr um die katastrophalen Lebensverhältnisse dieser Bevölkerungsgruppe kümmert, sind diese Menschen (und „Rom“ bedeutet in der Sprache der Roma „Mensch“) ständig abwertenden Stereotypen und Beschimpfungen ausgesetzt – es sei denn, sie machen Musik. Dann werden sie kurzzeitig zu Idolen. Doch auch das sind meist Stereotypen.

Kultur und Gesellschaftspolitik: beides versucht unser neugestaltetes Magazin zu verbinden. Dessen Lektüre bereitet Ihnen hoffentlich nicht nur viel Spaß, sondern bringt sie an der einen oder anderen Stelle auch zum Nachdenken.

Ihr Sami Aras
Vorsitzender des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.

(Ältere Ausgaben des Monatsmagazins stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.)