IN MAGAZIN

Aktuelle Ausgabe Sommer 2021

Liebe Leser*innen,

Die Lage scheint sich zu bessern, die Inzidenzen sinken, es wird „gelockert“ – so die Momentaufnahme, während diese Zeilen geschrieben werden. Doch wenn Sie dies lesen, kann alles schon wieder ganz anders aussehen. Wir wissen es nicht.

Auch dies ist „Corona“: das Leben mit Ungewissheiten, mit der Unplanbarkeit, dem Unberechenbaren. Auch das müssen wir erst noch lernen: Gewohntes neu zu denken. In Bezug auf unsere Pläne für das nun schon seit fast 20 Jahren „gewohnte“ Sommerfestival der Kulturen waren die letzten Monate geprägt von dieser quälenden Ungewissheit. Kann das Festival überhaupt stattfinden? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen, welchen Beschränkungen? All unsere Planungsvarianten liefen am Ende ins Leere – und letztlich mussten wir dann doch das Festival absagen.

Doch aufgeben wollten wir nicht. Die Suche nach dem, was trotz allem möglich wäre, war von Anfang unser ständiger Begleiter. Und erst jetzt, vor wenigen Wochen, tat sich – dem Kulturamt und dem Landesmuseum Württemberg sei Dank – im Innenhof des Alten Schlosses eine gangbare Veranstaltungsfläche auf. Auch hier war Flexibilität und Tempo gefragt – meinen Kolleginnen und Kollegen im Forum sei Dank –, um in kürzester Zeit ein attraktives Programm auf die Beine zu stellen: die Stuttgart Summer Stage – vier Abende, an denen zwölf höchst unterschiedliche musikalische Formationen aus Stuttgart dessen enorme kulturelle Vielfalt sichtbar machen.

Doch solche Konzerte machen Vielfalt nicht nur sichtbar – hier kann vieles auch auf digitalem Weg geschehen – sondern auch erlebbar, spürbar. Das Live-Erlebnis, die Live-Präsenz von Musiker*innen und von Publikum verdeutlichen eindrücklich den Unterschied zwischen digitaler Konserve und der Nähe und Authenzität des eigenen kulturellen Erlebens. Und es geht um noch mehr. Es geht auch um Begegnungen. Es geht darum, endlich wieder „andere“ Menschen zu treffen, Menschen, die wir noch nicht kennen, die wir uns nicht „ausgesucht“ haben, Menschen, wie man sie eben trifft, wenn man wieder „unter die Leute“ geht – Menschen in ihrer enormen Verschiedenartigkeit, mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Denkweisen, die vielleicht ganz anders sind als das „Gewohnte“, Menschen, denen wir oft voller Vorurteile und Ressentiments begegnen. Doch nur durch gegenseitiges Kennenlernen, durch den Austausch, manchmal auch durchs miteinander Streiten, können solche Vorurteile abgebaut werden, weit eher als in digitalen Echokammern.

Begegnungen in Präsenz sind hierbei unverzichtbar, geteilte schöne Erlebnisse verbinden. Und je mehr wir uns – auch sogenannten, scheinbar „Fremden“ gegenüber – wieder öffnen und wieder Nähe zulassen können, umso leichter wird es uns auch fallen, Althergebrachtes zu hinterfragen und scheinbar „Normales“ auch mal von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Übrigens ist genau das auch eine essenzielle Aufgaben von Kultur.

Bei den vielen nun wieder startenden Sommeraktivitäten und der Wiederbelebung des Kulturlebens wollen wir Sie auch mit dieser Ausgabe unseres interkulturellen Magazin begleiten und auch hierbei neue und vielleicht noch ungewohnte Sichtweisen eröffnen.

Ihr Rolf Graser
Geschäftsführer des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.

(Ältere Ausgaben des Monatsmagazins stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.)