Monatsmagazin

Aktuelle Ausgabe Februar 2019

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

viele gute, oft sehr ambitionierte Vorsätze wurden wieder gefasst für das neue Jahr – Vorsätze, die oft schon beim ersten ernsthaften Widerstand wieder aufgegeben werden. Beharrlichkeit wäre hier vielleicht der ziel- führendere Vorsatz gewesen. Was nützen uns die besten Ideen und Ziele,

wenn wir nicht dran bleiben, allen Widrigkeiten zum Trotz? Auch das Bemühen um gesellschaftlichen Zusammenhalt erfordert Beharrlichkeit. Hier geht es nicht darum, dem „anderen“ die eigene Meinung, die eigenen Werte oder den eigenen Glauben aufzuzwingen oder ihn zu „bekehren“. Es geht um das Neben- und Miteinander verschiedenster Lebenswelten und -stile, ohne dass eine dieser unterschiedlichen Weltsichten und Wertesysteme als reine Lehre, als allein seligmachende Wahrheit oder als Leitkultur alles andere überragt und verdeckt – eine Aufgabe, die Beharrlichkeit und Geduld erfordert, aber auch Dialogfähigkeit. Denn kein Miteinander ohne Dialog, ohne das Gespräch über all diese scheinbaren – und oft auch realen – Unterschiede und Differenzen. Und kein Dialog ohne Zuhören – leider alles andere als eine Selbstverständlichkeit (auch „Zuhören“ hätte ein wertvoller Vorsatz fürs neue Jahr sein können). Zuhören bedeutet vor allem, den oder die „anderen“ reden lassen, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und nicht gleich ein Gegenargument auf den Lippen zu haben.

Wer einmal Menschen zugehört hat, die ihre alte Heimat verlassen mussten, die Flucht und Verfolgung erfahren haben, dessen Blick auf Geflüchtete und dessen Haltung zu Flucht und Asyl wird hinterher eine andere sein. Unsere landesweit erfolgreichen Dialogforen Menschen auf der Flucht (Seite 14/15) machen dies eindrucksvoll deutlich. Und wer sich einmal intensiv mit Menschen unterhalten hat, die dem Rechtspopulismus nahe stehen, der wird sicherlich kein Rechtspopulist, versteht aber vielleicht etwas mehr deren Beweggründe und kann künftig auch deren Hasstiraden besser kontern. Versucht haben dies Mitglieder unseres interkulturellen Theaterensembles bei Straßeninterviews als Teil der Re- cherche zu ihrer neuesten Produktion Stehen geblieben?! (Seite 13).

Zuhören, Miteinander reden und dabei offen bleiben, nicht an irgendeiner „absoluten Wahrheit“ hängen, sondern den oder die anderen ernstnehmen und wahrnehmen als Teil einer uns alle umfassenden Gemeinschaft, auch wenn man selbst deren Lebensstil und deren Werte nicht teilt. Nur so kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen – Geduld und Beharrlichkeit vorausgesetzt.

Ihr
Sami Aras, Vorstandsvorsitzender des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.

(Ältere Ausgaben stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.)