Monatsmagazin

#OnlineZeitschrift – die Maiausgabe unseres Monatsmagazins

Liebe Leser*innen der „Begegnung der Kulturen – Interkultur in Stuttgart“,

schon zum zweiten Mal in der nun bald zwanzigjährigen Geschichte unseres interkulturellen Monatsmagazins müssen wir auf dessen gedrucktes Erscheinen verzichten. Und auch das Sommerfestival der Kulturen – für viele das interkulturelle Highlight des Jahres – musste abgesagt werden. Zwei Entscheidungen, die schmerzen, die angesichts der aktuellen Situation aber unvermeidlich waren. Es sind außerdem zwei Entscheidungen, die unser Engagement für interkulturellen Austausch und gesellschaftlichen Zusammenhalt einschränken und zurückwerfen.

Vor dem Virus sind alle gleich. Covid-19 kennt weder kulturelle noch religiöse oder soziale Unterschiede. Doch die Folgen dieser Pandemie sind ungleich verteilt – im internationalen Vergleich, aber auch hier vor Ort. Und gerade auch Menschen aus Einwandererfamilien gehören in vielerlei Hinsicht zu den bislang viel zu wenig beachteten Opfer der „Corona-Krise“.

So ist ihr Anteil gerade im Gesundheitswesen, in Supermärkten und anderen „systemrelevanten“ Bereichen, wo sie oft ohne ausreichende Schutzkleidung und unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten müssen, besonders hoch. Gleichzeitig reißen Corona-bedingte Grenzschließungen nicht nur viele Einwandererfamilien auseinander, sie verhindern auch existenziell bedeutsame Hilfsleistungen und Transfers zwischen Deutschland und den Herkunftsländern. Darüber hinaus verschärft die Schließung der Schulen das bestehende Ungleichgewicht im Bildungssystem, wovon Kinder aus Migrantenfamilien besonders häufig betroffen sind.

Beengte Wohnverhältnisse und prekäre hygienische Verhältnisse bei Geflüchteten, aber auch bei Erntehelfer*innen und auf Großbaustellen führen zu enormen gesundheitlichen Risiken. Vor allem Neuzugewanderte haben aufgrund von Sprachproblemen, mangelnder Vernetzung und fehlender sozialer Strukturen Schwierigkeiten, sich in der aktuellen Krise zurechtzufinden. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei den vielen Dienst- und Hilfsleistungen der migrantischen Communities und Vereine zu. Gerade deren Mehrsprachigkeit ist hier eine unverzichtbare Ressource.

Aber auch Rassismus und Diskriminierung, Hass und Hetze nehmen zu, vor allem dort, wo sich die Menschen derzeit am häufigsten aufhalten: im Netz und in den sozialen Medien. Verschwörungstheorien und Schuldzuschreibungen gegen „Fremde“ häufen sich. Kontaktverbote, die Schließung von Kultureinrichtungen und anderer Orte der Begegnung und des Austausches sind ein Rückschlag für das gerade in heutigen Zeiten dringend erforderliche interkulturelle und interreligiöse Miteinander.

Ein Corona-Krisenmanagement, das nicht nur die Bekämpfung des Virus, sondern auch die gesellschaftlichen und sozialen Folgen im Blick hat, muss sich auch um die Problemlagen von Menschen aus Einwandererfamilien kümmern. Es wäre deshalb hilfreich, wenn Vertreter*innen der betroffenen Gruppen, aus den migrantischen Communities und Organisationen in den verschiedenen Corona-Krisenstäben Gehör fänden. Solidarität ist gefragt – auch mit den vielen Betroffenen aus Einwandererfamilien.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünscht das gesamte Team des Forums der Kulturen, dass Sie die akute Krise in jeglicher Hinsicht gut überstehen.

Ihr

Rolf Graser
Geschäftsführer des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.

(Ältere Ausgaben des Monatsmagazins stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.)