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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit kurzem wissen wir es aus dem Munde unseres Heimatministers Horst Seehofer: Migration ist die „Mutter aller Probleme“. Als eine der wohl am stärksten von Migration geprägten Städte Deutschlands ist Stuttgart wohl auch eines der besten Beispiele, dass dem nicht so ist. Trotz – vielleicht sogar wegen – des hohen Bevölkerungsanteils von Menschen mit Migrationsgeschichte ist Stuttgart eine der wohlhabensten und sichersten Städte Deutschlands. Und Stuttgarts Probleme wie Feinstaub oder hohe Mieten haben sicherlich nicht die viel gescholtene Migration zur Mutter. Im Gegenteil: Die „Mutterstadt Stuttgart“ zelebriert seit Jahrzehnten erfolgreich die kulturelle Vielfalt unseres Einwanderungslandes.

Zu Recht wird dieser Heimatminister von allen Seiten, auch von seiner Schwesterpartei, heftig kritisiert. Doch wir dürfen es uns auch nicht zu leicht machen: im Alltag erleben wir es nach wie vor, dass Probleme oder Konflikte auf „die Kultur“ einer der beteiligten Gruppen reduziert werden, dass man in der Herkunft des einen oder der anderen an einem Konflikt Beteiligten „die Mutter“ des Problems zu erkennen glaubt. Dabei muss man sich stets die Mühe machen, nachzuforschen, weshalb ein Konflikt entstanden ist, will man dessen Ursachen bekämpfen. Denn wenn in „der Kultur“, in „der Religion“ oder in der Herkunft eines Menschen die „Mutter des Problems“ gesehen wird, muss man in letzter Konsequenz diesen Menschen (oder dessen „Mutter“) bekämpfen – so wie dies kürzlich in Chemnitz der Fall war.

Wir meinen, Stuttgart sei weit weg von Chemnitz und weit weg von Seehofers Heimatfantasien. Doch der Kern eines solchen Denkens ist auch bei uns bis weit in die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ verbreitet, nämlich dass Menschen, deren Wurzeln nicht in Deutschland „beheimatet“ sind, letztlich doch nicht so ganz hierher gehören, letztlich auch nicht so bedeutsam, nicht so wertvoll sind wie Menschen, deren Urgroßeltern schon hier geboren wurden. Wir müssen wieder lernen, Menschen als Individuen zu sehen und nicht als (pauschal zu verurteilende) Vertreter*innen einer „Kultur“ oder einer Religion, die in der Regel dann auch noch mit jeder Menge Vorurteile behaftet ist.

Unser Gegenentwurf zur Einfalt des Verallgemeinerns und Kulturalisierens ist die Vielfalt. Es ist die bunte Vielfalt unterschiedlichster Individuen, die unsere Stadtgesellschaft so lebenswert macht. Leider sind wir wieder soweit, dass dies keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Wir müssen diese Vielfalt nicht nur leben, wir müssen sie auch wieder verteidigen.

Ihr

Rolf Graser
Geschäftsführer des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.

 

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